Üermoos (1999)

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Sophie Gujer-Keller, eine vitale 93jährige Frau, blättert in einem alten Fotoalbum und erinnert sich, wie die 1914 als achtjähriges Mädchen im Fabrikkanal für den Löwenwirt Forellen wilderte.

Immer mehr Bilder steigen in ihr auf und verdichten sich zu einem Theaterclip, an dem wir Zuschauer teilnehmen können. In kurzen Sequenzen wechseln die Schauplätze, ähnlich einem Videoclip, mit dem Vorteil, dass man trotzdem immer das ganze Panorama des Spielplatzes vor sich hat.

So lernen wir Üermoos und seine Bewohner kennen. Die Handlung und die Personen sind erfunden, aber leicht lässt sich erahnen, dass es frei umgesetzt die Geschichte der Gegend um Illnau ist, kurz vor und während dem Ersten Weltkrieg. An dieser Stelle danken wir den zwanzig Frauen und Männern, die alle im „Sophie-Gujer-Alter“ sind und mit ihren niedergeschriebenen Erinnerungen die Gemeindechronik Illnau-Effretikon zu einer Fundgrube für unser Stück machten.

Freitag, 3. Juni 1914

Ein Sommertag in drei Episoden: Später Morgen, Nachmittag und Feierabend. Irgendwo dengelt ein alter Mann eine Sense, Kinder spielen, Hühner gackern. Die Fabriksirene entlässt die Arbeiter zur kurzen Mittagsrast, und niemand ahnt, dass in der grossen Welt die kurze Zeit der „Belle Epoque“ zu Ende geht und düstere Wolken über Europa aufziehen. Man bestaunt das noble Auto des neuen Fabrikherrn, trinkt für 15 Rappen im Löwen einen Most und hat vielleicht vor einigen Tagen eine Bahnfahrt nach Bern gemacht und dort die Landesausstellung besucht.

Aus der „Illustrierten“ weiss man, dass der Schweizer Radprofessional Oskar Egg in Paris mit 44 Kilometern einen neuen Stundenweltrekord aufgestellt hat und ein Bundesrat im Monat 1500 Franken verdient, während ein Fabrikarbeiter mit knapp 100 Franken für sich und seine meist kinderreiche Familie auskommen muss.

In Üermoos macht der Gemeindeschreiber der hübschen Lisi schöne Augen und Kellers Hänsel muss den Spucknapf des Lehrers leeren. Doch die Idylle trügt; auch in dieser kleinen Welt gibt es soziale Ungerechtigkeit und nicht alle Geschäfte sind lupenrein.

Samstag, 1. August 1914

Seit 15 Jahren wird in der Schweiz der 1. August gefeiert, natürlich auch in Üermoos. Es werden Reden gehalten, es wird geturnt und gesungen. Doch die Dorfmusik begleitet den Arbeiterchor so jämmerlich, dass die „Sozis“ aufgebracht eine Prügelei anzetteln. Mitten in diesem Tumult kommt Nachricht von der Kriegsmobilmachung. Betroffen wird die Feier abgebrochen.

Der aufgebotene Gujer Max meint: „So ich haus is Näscht. Me mues es na gnüsse s letzschte Mal uf ere Madrazze statt im Stroo z pfuuse.“

Donnerstag, 9. September 1915

Bereits ist seit mehr als einem Jahr Krieg, viel länger als man gedacht hatte. Aus der Gemeindechronik: Ein Fliegerunfall mit glimpflichem Ausgang setzte an diesem Tag einen farbigen Akzent in den grauen Kriegsalltag. Die Bruchlandung des Piloten Leutnant Brunner und des Flugingenieurs Wild war eine Sensation, die viele Zuschauer anlockte. Die Kinder bekamen einen schulfreien Nachmittag, um das Flugzeug zu bestaunen. Dass die tollkühnen Männer der zerstörten Maschine unverletzt entstiegen, kam den Leuten wie ein Wunder vor. Natürlich wollte jeder den vom Himmel gefallenen Piloten anfassen. Auch für Aufsehen sorgte General Wille, der im Landgasthof „Löwen“ abstieg, um die exquisiten Forellen zu essen.

Montag, 19. Juni 1916

Brennmaterial für Holzherd und Kachelofen werden knapp, und darum beginnt der gewiefte Gemeindeschreiber in seinem Riet Torf zu stechen. Das gibt den arbeitslosen Arbeiterfrauen Verdienst, ärgert aber den Grossbauern Rüegg, weil der das ganze Rietland viel zu billig verkauft hat.

Um Torf, oder wie man in Üermoos sagt, Turpe zu stechen, braucht man ein spezielles Turpenmesser. Das muss man sorgfältig in die Torfschicht stechen, um mit einem raffinierten Dreh lange Turpenstücke heraufbefördern. Diese werden dann mit alten Säbeln in brikettgrosse Stücke geschnitten und getrocknet.

Mitten in diese Arbeit platzt ein Aushebungsoffizier. Die Armee braucht weitere Soldaten, und so müssen auch die Dorfhonorationen dranglauben.

Samstag, 24. November 1917

Ein bitterkalter, schneeloser Wintertag. Erst ab zehn Grad unter Null darf geheizt werden. Die Frauen greifen zur Selbsthilfe, sammeln verbotenerweise Holz und brechen die 1.-August-Bühne ab, um ihre Öfen zu heizen. Für die kleine Pia aus dem Kosthaus ist es aber zu spät. Sie ist ein Opfer der grassierenden Grippewelle im Zusammenhang mit Kälte und schlechter Ernährung geworden. Gefühllos schaut Doktor Krebs dem Trauerzug nach: „Jänu! An dem Mädle isch wenigschtens kein Soldat verlore gegange!“

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